Newsletter März 2018

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Hiermit möchten wir Ihnen unseren Newsletter 2018 vorstellen. Durch Ihre Hilfe war es möglich, mehrere wichtige Ergebnisse unserer Langzeit-untersuchung zu veröffentlichen, von denen wir Ihnen hier zwei Beispiele vorstellen:

Veränderungen im basalen Vorderhirn erklären bei frühgeborenen Erwachsenen den Zusammenhang zwischen Geburtskomplikationen und kognitiver Leistungsfähigkeit

(Grothe MJ et al, Reduced Cholinergic Basal Forebrain Integrity Links Neonatal Complications and Adult Cognitive Deficits After Premature Birth. Biol Psychiatry. 2017 Jul 15;82(2):119-126)

Frühere Studien haben gezeigt, dass es bei Frühgeborenen einen Zusammenhang zwischen medizinischen Geburtskomplikationen und langfristiger geistiger Leistungsfähigkeit gibt, d.h. je mehr Komplikationen, desto wahrscheinlicher sind kognitive Einbußen. Unklar war bisher jedoch, wie dieser Zusammenhang durch das Gehirn ‚vermittelt‘ wird. Es ist zum Beispiel denkbar, dass medizinische Komplikationen (z.B. ein frühgeburtlicher Sauerstoffmangel) zu Veränderungen in besonders anfälligen Gehirnbereichen führen kann, was letztlich geringere kognitive Leistungen im Erwachsenenalter zur Folge haben könnte. Ein Gehirnbereich, der aufgrund seiner besonderen Anfälligkeit für frühe Störprozesse in Frage kommt, ist das so genannte basale Vorderhirn. Das basale Vorderhirn besteht aus einer Ansammlung von Nervenzellen, die den Botenstoff Acetylcholin produzieren und mittig unter den Vorderlappen liegen. Wenn diese Nervenzellen aktiv werden, setzen sie Acetylcholin frei und nehmen damit Einfluss auf die Aktivität anderer Regionen im Gehirn. Aus diesem Grund wird dem basalen Vorderhirn eine wichtige Rolle bei verschiedenen kognitiven Prozessen (z.B. Aufmerksamkeit) zugesprochen. Daher untersuchten wir in der vorliegenden Studie die Hypothese, ob anatomische Veränderungen im basalen Vorderhirn (d.h. ein verringertes Volumen als Ausdruck veränderter Entwicklung) den Zusammenhang zwischen medizinischen Komplikationen und langfristiger kognitiver Leistung erklären bzw. ‚vermitteln‘ können.

Dazu untersuchten wir 99 früh- und 106 reifgeborene junge Erwachsene aus der Bayerischen Entwicklungsstudie mittels Kernspintomographie.

Wir fanden, dass das Volumen des basalen Vorderhirns bei den frühgeborenen Erwachsenen im Vergleich zu ihren reifgeborenen Kollegen um ca. 5% verringert war. Der Grad an Volumenverringerung vermittelte dabei die Wirkung von medizinischen Komplikationen bei der Geburt auf die langfristige kognitive Leistung im Erwachsenenalter.

Unsere Analysen legen also den Schluss einer ‚ursächlichen Kette‘ nahe: medizinische Komplikationen wie sie im Rahmen einer Frühgeburt auftreten können, führen zu Veränderungen in der Entwicklung des basalen Vorderhirns, die letztendlich langfristig die kognitive Leistung beeinflussen. Erfreulicherweise ist das basale Vorderhirn therapeutisch gut ‚zugänglich‘, d.h. es gibt eine Reihe von Möglichkeiten auf die Entwicklung und Funktion dieser Struktur Einfluss zu nehmen. So gibt es bestimmte ‚cholinerge’ Diäten (für die  Mutter und/oder den Säuglings), die das basale Vorderhirn in seiner Aktivität positiv beeinflussen und damit auch die kognitive Leistungsfähigkeit; auch gibt es Medikamente (z.B. Cholinesterase-Hemmer), die ähnliches zu leisten imstande sind. Unsere Untersuchung ist ein erster Schritt dahin, gegebenenfalls in Zukunft eine gezielte Beeinflussung des basalen Vorderhirns bei Frühgeborenen durch erfolgversprechende Mittel vorzunehmen, um die Spätfolgen einer Frühgeburt positiv zu beeinflussen.

 

Lebensqualität von Eltern 27 Jahre nach der Geburt eines Frühgeborenen

(Wolke D, Baumann N, Busch B, Bartmann P., Very Preterm Birth and Parents‘ Quality of Life 27 Years Later. Pediatrics. 2017 Sep;140(3))

Die Geburt eines frühgeborenen Kindes ist für die meisten Eltern eine sehr belastende Situation. Aufgrund der Unreife des Kindes kommt es nach der Geburt häufig zu medizinischen Problemen, die einen langen Aufenthalt in der Klinik erforderlich machen. Auch nach der Entlassung sind weiterführende Therapien und Sorgen bei Familien von frühgeborenen Kindern häufiger als in Familien mit reifgeborenen Kindern. Probleme in der Schule, die psychische Gesundheit und die Beziehungen zu Gleichaltrigen sind weitere Herausforderungen. Wir wollten die Auswirkungen dieser besonderen Herausforderungen auf die Lebensqualität und Zufriedenheit von Eltern untersuchen.

Dafür fragten wir die Eltern unserer im Durchschnitt 27 Jahre alten Teilnehmer, wie sie ihre heutige Lebenssituation und Zufriedenheit beurteilen. Anschließend verglichen wir die Antworten der Eltern von frühgeborenen mit denen von reifgeborenen Kindern. Die Gruppe der frühgeborenen Kinder war definiert mit einer Geburt vor  32 Schwangerschaftswochen, also mindestens 8 Wochen vor dem errechneten Geburtstermin und/oder einem Geburtsgewicht von weniger als 1500g.

Wir verwendeten zur Befragung die  Lebensqualitäts-Skala der Weltgesundheitsorganisation WHO. Dies ist ein Test zur Bewertung der allgemeinen Lebensqualität. Wir stellten Fragen zur körperlichen und psychischen Gesundheit (z.B. „Sind Sie auf medizinische Behandlung angewiesen?“, „Können Sie Ihr Leben genießen?“), sozialen Beziehungen (z.B. „Haben Sie Unterstützung durch Freunde?“) und dem allgemeinen Umfeld (z.B. „Wie gesund sind die Umweltbedingungen in Ihrem Wohngebiet?“). Zusätzlich wurde mithilfe der „Zufriedenheit mit dem Leben Skala“ die Lebenszufriedenheit erfragt (z.B. „ Bisher habe ich die wesentlichen Dinge erreicht, die ich mir für mein Leben wünsche.“). Insgesamt konnten wir Eltern von 219 Frühgeborenen und 227 Reifgeborenen befragen.

Es zeigte sich, dass die Lebenszufriedenheit der Eltern in beiden Gruppen gleich war. Eltern von Frühgeborenen waren sehr resistent gegenüber den erhöhten Belastungen, denen sie aufgrund der Frühgeburtlichkeit ausgesetzt waren. Ausschlaggebend für die Zufriedenheit waren nicht Behinderungen und die schulischen Leistungen ihrer Kinder oder das Eltern-Kind-Verhältnis. Eltern in beiden Gruppen waren zufriedener mit ihrem Leben, wenn ihre Kinder glücklich waren und gute Freunde hatten. Kurz gesagt geht es den Eltern gut, wenn es den Kindern gut geht. Ein Beleg für die Belastbarkeit und Stabilität von Eltern.

 

Europäisches Forschungsprojekt für frühgeborene Kinder und Erwachsene

In diesem Newsletter wollen wir Sie auch über die neuesten Forschungsprojekte auf europäischer Ebene informieren. Die Bayerische Entwicklungsstudie ist Mitglied im „Research on European Children and Adults Born Preterm“ (RECAP). Dieses Forschungsprojekt bringt insgesamt 20 populationsbasierte Studien aus 13 europäischen Ländern auf eine gemeinsame Plattform. Die Arbeit von Gynäkologen, Neonatologen, Kinderärzten, Psychologen, Pädagogen, Krankenkassen, sowie vor allem den Patienten und ihren Eltern wird hier zusammengebracht.

Zusätzlich werden aus 4 nordischen Ländern sogenannte Registerstudien, welche Daten aus nationalen Registern ganzer Länder enthält, mit einbezogen.

Alle Daten werden in anonymisierter Form zusammengebracht und somit für einen Vergleich zugänglich gemacht. Damit können auch Aussagen über seltene Gesundheitsprobleme, Risiko- und Resilienzfaktoren mit größerer Sicherheit untersucht werden. Die verschiedenen Geburtskohorten wurden in unterschiedlichen Ländern, zu unterschiedlichen Zeiten und damit auch unterschiedlichen medizinischen Standards erhoben. Durch den Zusammenschluss der Daten kann so erstmals eine Vereinheitlichung der Ergebnisse stattfinden, die mehr Aussagekraft als Einzelstudien hat.

Falls Sie sich gerne selbst ein Bild über dieses Forschungsprojekt machen möchten, können Sie dies auf der Internetseite von RECAP: https://recap-preterm.eu.

 

Erneute Telefon- und Online-Befragung

Eine der wichtigsten Aufgaben einer Langzeitstudie ist es, sich um die Aktualisierung und den Kontakt zu den Studienteilnehmern zu kümmern. Daher sind wir unermüdlich damit beschäftigt, Ihre Kontaktdaten auf dem aktuellen Stand zu halten. . Wir möchten Sie auch in diesem Newsletter bitten, uns mitzuteilen, wenn sie umziehen oder sich Ihre Telefonnummer oder Emailadresse geändert hat. Dies können Sie jederzeit unproblematisch über das Kontaktformular unserer Homepage (http://www.bayerische-entwicklungsstudie.de).

Unser letzter persönlicher Kontakt zu den meisten unserer Studienteilnehmer fand zwischen 2010 und 2013 statt. Da seitdem schon wieder einige Jahre vergangen sind, möchten wir Sie gerne erneut per Telefon kontaktieren und in einem kurzen Gespräch einige Fragen zu Ihrer aktuellen Lebenssituation stellen. Wir sind gespannt, was sich in der Zeit bei Ihnen alles geändert hat. Zusätzlich möchten wir versuchen, die Studienteilnehmer, die wir im letzten Durchlauf nicht erreichen konnten oder welche aus den verschiedensten Gründen nicht mitmachen konnten, zu befragen. Die Bayerische Entwicklungsstudie ist einzigartig in Deutschland und braucht jedes bei Geburt aufgenommene Studienmitglied! Nur so ist die Aussagekraft der Studienergebnisse auf diesem hohen Niveau zu halten. Auch die heutigen Ärzte und Schwestern aber auch Patienten und Eltern profitieren davon.

In der zweiten Jahreshälfte möchten wir auch erstmals das Instrument einer Online-Befragung einsetzen, welches Sie in anderen Zusammenhängen sicher schon kennen. Die Vorgehensweise und die wichtigsten Fragestellungen werden wir Ihnen im Rahmen des erneuten Telefonkontaktes vorher erläutern.

Wir danken Ihnen für Ihre Verbundenheit mit der Studie und wünschen Ihnen alles Gute.

Es grüßen Sie aus dem Studienbüro Bonn,

 

Prof. Dr. Dr. Peter Bartmann            Prof. Dr. Dr. Dieter Wolke                 Dr. Barbara Busch

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